Ein bisschen Misstrauen ist immer gut

Den größten Vertrauensbeweis erhielt ich durch einen Partner unseres Labs in Deutschland. „Wir haben gerade sehr viel zu tun. Aber melde dich in einem Jahr wieder bei uns, dann unterstützten wir die Initiative.“ Und das taten sie dann auch. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt.

vertrauenDesto auffälliger ist es, dass in dem Lab in Deutschland so viele Diskussionen über Misstrauen geführt werden.  Über die Angst, die eigenen Ideen mit anderen zu teilen. Über die Angst, dass diese dann gestohlen werden können. Diese Angst sitzt sehr tief. Als ein Laborant ein Co-Working Konzept erarbeitete, in dem  das Teilen von Ideen ein wichtiger Bestandteil war, wurde darüber diskutiert, wie man dem Vorbeugen kann, dass jemand anderes die eigene Idee stiehlt. Als eine Studentengruppe ihr Konzept in ein Unternehmen umwandeln wollte, hatten sie ebenfalls Angst davor, dass ihre Idee gestohlen wird.

Wer auf dem sozialen Netzwerk Xing (das LinkdIn in Deutschland) aktiv ist, merkt schnell, dass dort alles moderiert wird. Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit und das ist oft etwas Ungewohntes für einen Niederländer. Scherzhaft vergleichen wir im Lab die deute Start-Up Szene mit einer Ansammlung von Kellern. Wohingegen die Unternehmen in Silicon Valley ihre Ideen in den Garagen entwickeln, offen für jeden, der dafür sorgen kann die gute Idee noch zu verbessern, scheinen die Deutschen in den Kellern zu beginnen. Niederländer ähneln da mehr den Amerikanern. Wir sind pragmatische Opportunisten, offen für jede neue Idee. Und in den sozialen Netzwerken sind wir die größten Plaudertaschen der Welt.

Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Ökonomie. Je mehr wir darauf vertrauen, dass uns der andere nicht hintergeht, desto besser können wir Ideen und Projekte umsetzen. Vertrauen steigert die Effizienz. Darauf basiert unser gesamtes monetäres System, ebenso wie unsere offenen Grenzen. In den letzten Monaten konnten wir hautnah erleben wie viel Zeit (und Geld) es brauchte um diese Grenzen wieder zu schließen. Aber gerade in einem sich schnell veränderndem System ist Vertrauen schwierig. Woher weiß ich, dass ich einem neuen Dienst oder einem neuen Produkt vertrauen kann? Woher weiß ich, dass Unternehmen wie Facebook, Google und Appple mich nicht bestehlen? Was ist der Wert von etwas Neuem? Auf Veränderungen reagieren Deutsche und Niederländer unterschiedlich. Wohingegen Niederländer dem Neuen offen gegenüberstehen (denn wer dies nicht tut ist altmodisch und das ist eine Todsünde in den Niederlanden), legen die Deutschen dieses Verhalten weniger an den  Tag( folgen die Deutschen weniger diesem Lemmingverhalten)  Sie sind vorsichtiger und nehmen Veränderung dadurch erst langsam an. Das macht sie weniger innovativ.

Der pragmatische Opportunismus der Niederländer sorgt dafür, dass sich Ideen dort schnell ausbreiten können und dadurch auch schneller umgesetzt werden. Vielleicht viel schneller, als dies in Deutschland der Fall wäre. Das Vertrauen macht Niederländer flexibel, aber wir fallen dafür auch schneller auf die Klappe. Wir werden schneller betrogen.

Als geborener und in den Niederlanden aufgewachsener Mensch fühle ich mich meist sehr wohl mit unserer offenen und wagemutigen Herangehensweise. Aber  ich schätze auch die deutsche Herangehensweise. Die Leichtigkeit mit der wir sagen, dass man anderen vertrauen kann, sorgt für das Aushöhlen des Begriffes. Vertrauen würde dann Richtung Gleichgültigkeit tendieren und das ist gefährlicher als ein bisschen Misstrauen.

Jan-Willem Wesselink ist Hauptlaborant beim Kennislab voor Urbanisme

PS. Um Missverständnisse zu vermeiden, auch in den Niederlanden habe ich glücklicherweise sehr treue und ehrliche Kunden. Und diese schätze ich sehr.

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